Die Entwicklung des Welthandels und damit der Exporte Deutschlands sind mit erheblichen Risiken verbunden. Die Zollpolitik der Vereinigten Staaten hat zu deutlichen Einbußen geführt und China ist als Exportdestination inzwischen weniger wichtig. Zuletzt war der Export nach Großbritannien stärker. Angesichts dieser Lage treibt die EU-Kommission den Abschluss von Handelsabkommen voran (z. B. Mercosur, Indien) und zudem gibt es mit der Ukraine eine strategische Partnerschaft, die auf bereits deutlich gestiegene Exporte in die Ukraine aufbauen kann. Am Beispiel der Ukraine zeigt sich auch, dass die Transferzahlung an die Ukraine zumindest teilweise in Form von Exportnachfragen „zurückkommen“.
Es wird ein einfaches Szenario gerechnet: Wir wählen zwölf neue Märkte aus, mit denen bereits Handelsabkommen abgeschlossen wurden oder vielleicht noch abgeschlossen werden (Argentinien, Australien, Brasilien, Indien, Paraguay, Uruguay, Indonesien, Malaysia, Mexiko, Nigeria, Singapur, Südafrika). Hinzu kommt die Ukraine. Wir haben für die Industriebranchen die Dynamiken der Jahre 2019 bis 2024 „gemessen“ und unterstellen, dass diese Veränderungen für die Zukunft halbiert zusätzlich hinzukommen. Insgesamt steigt der Export dadurch um rund 10 Mrd. Euro (nominal). Es sind vor allem der Maschinenbau und elektronische Ausrüstungen, die profitieren. Auch medizinische Geräte etc., die in die Ukraine gehen, sind deutlich betroffen.
Die genannten Folgen und Maßnahmenbündel werden der Basis gegenübergestellt.
Welche Teile der Ökonomie verändern sich wie?
Die Handelsabkommen (aktuelle, vorläufig laufende und noch neu einsetzende) wirken durchweg positiv auf die ökonomische Entwicklung. Die Wirkung auf die Arbeitsplätze fällt klein aus, da vor allem Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe adressiert werden, also Branchen angesprochen werden, die zurzeit eine geringe Auslastung haben und stark in der Arbeitsproduktivität sind. Eine Verbesserung des Außenhandels bleibt allerdings nicht ohne Folgen für den Bedarf an Rohstoffen und Energie. In Folge steigen die Emissionen und die Rohstoffimporte. Mit der steigenden Wertschöpfung und dem kleinen Plus an Arbeitsplätzen verbessern sich auch die Konsummöglichkeiten der privaten Haushalte.
Wie verändert sich die ökonomische Aktivität im Zeitverlauf?
Dargestellt ist die ökonomische Aktivität: Dabei wird ein Indikator gebildet, der sowohl auf die Lage der Unternehmen (mittelfristige Dynamik des Bruttoinlandsprodukts) als auch der Arbeitnehmer:innen (relative Veränderung der Zahl der Arbeitsplätze) gleichberechtigt eingeht. Über die Zeit nimmt die ökonomische Aktivität zu und erreicht 2031 ihren Höhepunkt. Zurückzuführen ist dies auf die angenommene steigende Umsetzung der Handelsabkommen und der strategischen Partnerschaft mit der Ukraine.
Die Diversifizierung der Exportdestinationen (neben EU, USA und China) führt zudem zu einer Stabilisierung des Exportgeschäftes, bedingt aber auch eine aktive Entwicklung der neuen zu betrachtenden Märkte, z.B. in Zusammenarbeit mit den Außenhandelskammern. Je besser es in Partnerschaften mit Unternehmen vor Ort gelingt, auf die Anforderungen der Exportdestinationen einzugehen, desto größer kann auch der Erfolg sein. Entscheidend ist dafür das eigene Zutun.
Wie verändern sich Konsum, Investitionen und Außenhandel?
Welche Komponente der Nachfrage (Konsum, Investitionen, Außenhandel) prägt die Ergebnisse des Szenarios im Vergleich zur Basis? Die Drift – also die zusätzlichen Veränderungen ausgelöst durch das Szenario – ist inländisch bei den Exporten und dem Konsum der privaten Haushalte am größten: Während die höheren Exporte direkt auf die angenommenen Wirkungen zurückzuführen sind, rührt der höhere Konsum privater Haushalte von den leicht besseren Beschäftigungsmöglichkeiten und den höheren Lohnzahlungen her. Die stärkeren Zuwächse der Investitionen sind durch die Ausweitung der Produktion im verarbeitenden Gewerbe bedingt. Der Staat kann auf zusätzliche Steuereinnahmen zugreifen. Gleichzeitig steigen – typisch für ein rohstoffarmes Land – die Rohstoffimporte. Das bedeutet auch, dass nicht nur die Exportdestinationen diversifiziert werden sollten, sondern auch die Herkunftsorte der Rohstoffe – ansonsten steigt das Risiko auf der Importseite.
Wie verändert sich die Leistungserstellung nach Branchen?
Welche Branchengruppen sind bei der Erstellung der nachgefragten Güter und Leistungen besonders gefordert? Die Drift zeigt, dass im Szenario vor allem das produzierende Gewerbe am stärksten Arbeitskräfte aufbaut. In Folge profitieren Handel und Verkehr und die Dienstleistungen für Unternehmen. Die Steigerung geht auf den Vorleistungsverbund zwischen produzierendem Gewerbe und Dienstleistungen zurück. Im Ergebnis können sämtliche Branchengruppen profitieren, nur die Landwirtschaft zeigt keine Veränderungen. Das Muster der Veränderungen der Branchen ist typisch für eine verbesserte Entwicklung der Exporte.
Wie verändert sich die Verteilung der Bruttolohneinkommen?
Die Verteilung der Bruttolohneinkommen nach Dezilen gibt Aufschluss über mögliche soziale Folgen des Szenarios. Die Ausweitung des Exportgeschäftes sorgt für positive Lohnentwicklungen über alle Dezile.
Im Ergebnis können vor allem mittlere und untere Bruttolohndezile relativ stärker zulegen als die höchsten Dezile. Allerdings ist der Zuwachs in Euro pro Jahr bei Hochlohnempfänger:innen weiter am größten. Dennoch: Der Export verbessert vor allem die Lage im verarbeitenden Gewerbe, wo gut bezahlte Fachkräfte tätig sind.
Wie verändern sich die Umsätze in den Branchen?
Die detailliertere Branchenabbildung für das verarbeitende Gewerbe zeigt die relative (in Prozent) und absolute Veränderung (in Mrd. Euro) der Produktion (ähnlich zu Umsatz) der jeweiligen Branchen im Jahr 2031. Besonders stark kann der Maschinenbau zulegen, was vor allem durch die Importstruktur der betrachteten Länder und die Dynamik der Geschäfte bedingt ist. Z. B. gewinnen Chemie und Pharma relativ etwas stärker, sind aber wegen der kleineren Basis in den absoluten Veränderungen kleiner als der Maschinenbau.
Zudem werden auch für Branchen, die nicht in einer direkten Auslandsbeziehung stehen, positive Wirkungen sichtbar. Diese sind auf den Vorleistungsverbund, also die wechselseitigen Beziehungen der Branchen untereinander, zurückzuführen. Diese Vorleistungsbeziehungen sind Teil des industriellen Kerns und wachsen mit ihren Auftraggebern vor Ort.
Übergeordnete Handlungsempfehlungen
Die Unternehmen des produzierenden Gewerbes profitieren durchweg von verbesserten Exportmöglichkeiten aufgrund neuer Handelsabkommen. Allerdings – anders als in einer Modellrechnung – handelt es sich um keine „Windfall profits“, d.h. die Unternehmen müssen ihre Märkte in den neuen Export-Destinationen (weiter‑)entwickeln. Hierbei sind Investitionen in Partnerschaften oder auch Unternehmen in den Partnerländern entscheidend. Nur so können sich stabile Beziehungen und positive langfristige Wirtschaftsbeziehungen ergeben. Gerade für kleinere Unternehmen ist dies nicht einfach, weshalb es sinnvoll ist, mit den Außenhandelskammern Kontakt aufzunehmen, Verbünde in Deutschland zu gründen und erste Schritte gemeinsam zu gehen.
Aus Sicht der Arbeitnehmer:innen verbessert sich die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes im verarbeitenden Gewerbe. Gerade das produzierende Gewerbe ist z.B. aufgrund einer wachsenden Konkurrenzsituation u.a. mit China stark risikobelastet. Mehr Kund:innen im Ausland bedeutet auch einen besseren Schutz vor Arbeitsplatzverlust. Zudem ergibt sich ggf. die Möglichkeit, zumindest vorübergehend im Ausland zu arbeiten. Insgesamt verbessert sich auch das Lohngefüge. Mit den neuen Export-Destinationen und neuen Partnerschaften verändern sich sowohl Herausforderungen (z.B. Formen der Zusammenarbeit, Sprachen), aber auch Möglichkeiten (z.B. Auslandserfahrungen).
Weitere Szenarien